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Akina's Fernweh

  • Autorenbild: Sofia Bianco
    Sofia Bianco
  • 10. Dez. 2018
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Mai 2020


Ich weiß ja nicht ob das gut ist, aber ich stehe mit wackeligen Beinen gerade auf dem 10 Meter Brett und starre ängstlich nach unten. Diese Situation kennt fast jeder, jeder hat schon irgendwann Mal diese Anektode gehört und fand das spannend.

Ich nicht. Weder spannend, noch aufregend noch sonst irgendwas.

Meine extreme Höhenangst lähmt mich fast komplett, ich kann nur mein Herz fühlen, wie es gegen meine Rippen hämmert, so fest, dass es wehtut.

Ich fühle mich allein, so bitter alleine, obwohl ich von in einem Halbkreis stehenden Dutzend Menschen angeglotzt werde. Ich warte darauf, dass irgendein Idiot mich auffordert, endlich zu springen, wie in den Filmen, die kein Happy-End haben. Haben können.

Aber niemand spricht. Alle starren nur nach oben. Beziehungsweise zu mir.

Jetzt fängt einer an, langsam zu klatschen, kaum hörbar. Als die Menge zustimmt, ist es unüberhörbar. Das Klatschen wird schneller. Na toll. Ich, mit meiner Höhenangst und meiner bestätigten Allergie gegen Lärm stehe nun hier, mit zugekniffenen Augen, Luft anhaltend.

Ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht. Ich drehe mich um, gehe langsam zur Leiter und klettere diese so schnell wie möglich runter.

Mit krummen Rücken, gesenktem Kopf und starr auf den Boden blickend gehe ich an den Personen vorbei. Nur leises Gemurmel kann ich hören.

"Wasn' mit der los?"

"Was für ein Feigling!"

Ich spüre, wie sich ein Knoten in meinem Hals bildet. Ich spüre, wie mir die Tränen hochkommen.

Als ob dies nicht genug Demütigung gewesen wäre, stolpere ich über etwas und falle augenblicklich auf den harten Steinboden des Schwimmbads.

Gelächter. Die Leute von eben kommen zu mir und dann sagt einer:

"Hey, brauchst du Hilfe? Ist alles okay bei dir? Oh man, du blutest!"

Der blonde Junge reicht mir seine Hand, ich lächel ihn dankbar an und nehme sie. Kurz bevor ich wieder auf den Beinen stehe, lässt er mich los. Ich knalle ein zweites Mal auf den Boden. Er gibt seinen nebenstehenden Freunden ein High-Five und geht lachend davon.

Jetzt ist keiner mehr da. Ich liege da eine ganze Weile, ich kann mich nicht bewegen. Alles tut weg. Ich habe mir die Knie aufgeschlürft, an meinen Händen habe ich Wunden. Ich presse die Zähne zusammen um nicht loszuheulen. Als ich mich wieder beruhigt habe, stehe ich auf und versuche den Schmerz zu überwinden. Ich gehe zu meinem Spint, nehme meine Tasche und gehe in Richtung Ausgang, halb hüpfend. An der Bushaltestelle lege ich mir ein Handtuch über, um meine verletzte nackte Haut zu bedecken. Zu verstecken.

Als der Bus ankommt, steige ich vorsichtig ein. Die Blicke der Leute durchbohren mich ununterbrochen. Ich bin dankbar, dass es nur drei Stationen sind, denn länger hätte ich es nicht ausgehalten. Ich drücke meinen Daumen müde auf den STOPP- Knopf und steige einen kurzen Moment später aus.

Als ich zu Hause angekommen bin, werf ich mein Handtuch auf mein Bett, nehme das Erste-Hilfe-Set, hoppel ins Bad und widme mich meinen Wunden. Sie sind tiefer als erwartet habe. Ich tröpfel etwas von der Betadine auf mein Knie und sehe zu, wie die Mischung das Bein runterfließt. Als ich klein war habe ich mir immer die halbe Flasche Betadine auf meine Haut gekippt, jedoch nur so lange, bis ich alt genug geworden war, um zu bemerken, dass sich die dunkelrote Flüssigkeit orange verfärbte, und es mir keiner glaubte, dass ich ein Autounfall erlitten hatte.

Ich nehme ein passendes Pflaster und klebte es sauber auf den wunden Punkt. Die kleinen Ritze auf meinen Händen gucke ich nur kurz an, stehe auf und gehe zum Waschbecken.

Ich schaue mein Spiegelbild an. Ich sehe eine verletzte Sechszehnjährige, nassem brustlangem brünetten Haar und grünen verängstigten Augen.

Warum?, frage ich mich schon zum dritten Mal in dieser Woche. Ich versuche mir Mut zu machen indem ich meine Zeigefingerspitze zum Spiegel richte und sage: "You are beautiful".

Leider glaubt mir mein Spiegelbild nicht so richtig, denn es verzehrt das ganze Gesicht und scheint noch unsicherer zu sein als vor dem einfallslosem Spruch. Ich seufze. Das mit dem Selbstbewusstsein ist echt anstrengend, vor allem, wenn diese Stimme, die mich anscheinend langsam aber gezielt umbringen will, immer lauter wird und meine Hoffnung immer mehr in den Hintergrund drückt.

Ich ziehe meinen Bikini aus und steige in die Dusche. Zwar brennen meine Wunden wie die Hölle, trotzdem entspannt sich mein Körper bei der hohen Wassertemperatur. Da das Wasser sowieso mein Gesicht nass macht, nutze ich die Gelegenheit und lasse meine Augen regnen. Es erleichtert den Druck, den ich schon seit Ewigkeiten gefühlt habe. Ich lasse meine Augen einfach laufen, ohne sie irgendwie beeinflussen zu wollen. Als ich fertig bin, steige ich aus der Dusche. Ich lege mir ein Handtuch über den Körper und föhne meine Haare trocken. Ziehe einen dunkelblauen Pullover an. Lasse mich auf mein Bett fallen und greife nach meinem Handy. Ich gehe auf WhatsApp, obwohl ich weiß, dass mir niemand geschrieben hat. Ich tippe unten rechts auf das Symbol "anschreiben", scrolle meine Kontakte runter und beobachte dessen Profile. Nicht viele haben es geändert, nur ein paar. Ich gehe auf einen dieser Kontakte und schreibe ihn mit "Hey! Wie geht's?" an. Schicke sie nach kurzer Überlegung ab und lege das Handy auf meinen Schreibtisch. Stehe auf, gehe in die Küche, mache den Schrank auf und hole mir eine Packung Cookies. Gehe mit den Keksen ins Wohnzimmer mache den Fernseher an. Ich lege mich auf das Sofa und beginne, die Vorletzte Staffel meiner Lieblingsserie auf Netflix zu schauen. Zwischendurch schiebe ich mir ein Cookie in den Mund. Als ich gerade mit der Fernbedienung auf "Fortsetzung" drücken will, bemerke ich, wie spät es geworden ist. Gleich halb eins. Müde schalte ich den Fernseher aus, lasse ihn auf Stand-by und gehe in mein Zimmer. Ich ziehe lustlos meinen Schlafanzug an und setzte mich auf mein sauber gemachtes Bett. Ich frage mich, was ich falsch mache mit meinem Leben. Denn irgendwas muss es ja sein, oder? Irgendwas machen alle richtig außer ich. Meine Beine bewegen sich nun jetzt Richtung Badezimmer. Ich putze mir die Zähne, wasche mir ordentlich das Gesicht und Hände und gehe wieder in mein Zimmer. Ich lege mich behutsam in mein Bett, der physische und sowohl auch der emotionale Schmerz schreien plötzlich bei dieser Bewegung in meinem Kopf. Ich beiße die Zähne zusammen und kneife meine Augen zu. In dieser Anspannung bleib ich so lange, bis mein Körper die momentan unnötige Energie verliert und sich in der ersten Traumphase befindet.


P.S.: kann sein, dass diese Geschichte verlängert wird.

 
 
 

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