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Das Leben ist zu kurz für irgendwann. Ein Traum und das Wörtchen "Warum".

  • Autorenbild: Sofia Bianco
    Sofia Bianco
  • 8. Dez. 2018
  • 4 Min. Lesezeit

Kurzgeschichte zum Thema Zeit

Erstmal bist du ein Nichts. Dunkelheit umhüllt dich. Du musst sehr lange warten, bist du ein Etwas wirst.

Aber wenn es dann passiert, nach langer Zeit, fängst du an, dich langsam zu bilden.Herz, Adern, Bauch, Kopf, Hals, Händchen, Beinchen, Finger, Zehen, Augen, Nase, Mund, Ohren. Alles zu seiner Zeit. Gerade jetzt weißt du immer noch nicht, dass du existierst. Wenn dann alle Details an dir stimmen und funktionieren, wenn du deine Finger nach links, rechts, nach oben und nach unten bewegen kannst, dann bist du fertig. Ein Wunder, wie jedes andere Wesen.


Weinend kommst du aus dem Bauch deiner Mutter. Das ist auch etwas Seltsames.

Ab jetzt beginnt etwas ganz Außergewöhnliches. Ein Abenteuer.

Später versuchst du die Dinge zu verstehen. Du nimmst ein Ding, lässt es fallen und staunst. Warum ist das so? Wieso klebt das Ding plötzlich am Boden? Und geht nicht nach oben?

Zwei Wesen hast du sehr lieb. Mama und Papa, so nennst du sie, weil sie dir das so gezeigt haben.

Mama und Papa findest du merkwürdig. Die machen Sachen, die du nicht verstehst. Die sind vielleicht mal hier und plötzlich ganz woanders. Du hast auch solche Beinchen wie sie. Aber ihre sind viel größer. Und deine bewegen sich nicht. Du wünscht dir ganz fest, auch irgendwann mal diese außergewöhnliche Fähigkeit zu haben.

Diese Welt, die du nicht verstehst, hat jeden Tag eine neue Überraschung für dich bereit.Du bist ein Reisender, der eine völlig neue Entdeckung macht. Alles geht so schnell...

Keiner versucht dir zu erklären, was du hier machst.

Es dauert eine Weile, bis du die Dinge halbwegs verstehst.

Das erste Mal im Einkaufszentrum. Es scheint dir, als wäre es ein Paradies nur für dich allein.„Mama!" schreist du. „Kann ich das behalten?"

Immer wieder die gleiche Frage. Und immer dieselbe Antwort:„Nein Schatz, du hast doch schon so Vieles."

Oma, so nennst du sie, sagt, du wärest sehr launisch. Es nervt dich, dass deine Umgebung Wörter benutzt, die du nie gehört hast. Du fragst sie, was das bedeutet. „Naja," antwortet sie, „das heißt, du willst immer alles haben und bist nicht glücklich mit dem was du hast.

„Aber ich entdecke doch die Welt..." denkst du traurig aber behältst es für dich. Du willst nicht so werden wie diese Wesen, die dich nie verstanden haben. Du hast Angst, dass du nichts dagegen tun kannst.


Du wächst und wächst, plötzlich ist es dir unheimlich wichtig, welche Kleidung du anziehst, deine Haare, du willst, dass  dich deine Freunde akzeptieren und in ihre Gruppe aufnehmen.

Deine Familie ist dir jetzt weniger wichtig, im Gegensatz zu deinen Freunden. Die sind die Ersten, die dich verstehen. Und das macht dich glücklich.

„Schatz" meint deine Mama „ wie wäre es, wenn du mal Oma und Opa besuchst?"

„Ne" meinst du, „ich treffe mich heute mit meinen Freunden."

Deine Mama ist entgeistert. „Aber Schatz!" sagt sie wieder, „irgendwann mal werden sie nicht mehr da sein und sie freuen sich bestimmt, dass du sie besuchst."

Deine Mutter stört dich nicht weiter. Einen Monat später ist dein Opa gestorben. Als du das hörst, bist du merkwürdig entsetzt. Es ist zu spät, denkst du. Die kindlichen Erinnerungen mit ihm tauchen plötzlich pausenlos wieder auf. Dir kommen die Tränen. Nicht wegen deines Verwandten. Du bist wütend auf dich selbst, du hast diese wertvolle kurze Zeit nicht genutzt und jetzt ist es zu spät.

In den Sarg deines Opas tust du das Buch hinein, welches du unbedingt früher als kleines Kind haben wolltest und das er dir schließlich gekauft hat. Damit du im Himmel lesen kannst, denkst du.

Wenn dir als kleines Kind alles wie ein Wunder vorgekommen ist, dann wäre es doch schön, das dies auch ein Wunder ist, und er dich hören kann, nicht wahr?


Dein Leben geht weiter. Die Zeit vergeht so schnell und du entscheidest dich, in ein anderes Land zu ziehen. Deine Eltern sind wieder mal verständnislos. Sie wollen natürlich, dass du bei ihnen bleibst. Aber das geht nicht.

Mit drei Koffern fahren sie dich zum Flughafen. Die letzten Worte deiner Mama sind:„Ich hab dich lieb Schatz. Wenn du uns brauchst sind wir immer für dich da, egal was passiert..."

Dein Vater umarmt dich stark und wünscht dir alles Gute. Noch eine Umarmung, dann bist du weg.

Loslassen, um zu merken, was hält.

In dem neuem zu Hause bildest du eine Familie. Dein Kind ist gestern zur Welt gekommen. Du warst nie glücklicher als jetzt.

Dein Kind wächst, meint du wärest gemein, da es nicht alles kriegt, was es haben will. Du lächelst. „Schatz, du hast doch schon so Vieles!"


Langsam wirst du alt. Dein Haar wird weiß und das stört dich.

Dein Kind lacht viel mehr mit Freunden als mit dir.

Deine Mutter ist schwer krank und du willst sie besuchen. Dein Kind will nicht mitkommen, es hat keine Lust. Deine Mutter freut sich, dich zu sehen und ist überrascht.

„Wo ist...?" fragt sie,  unterbrichst sie und sagst:

„Es wollte nicht mit."

Ah verstehe, meint sie nur.

„Ehrlich?", fragst du.

„Na klar Schatz, jeder war irgendwann mal so. Du auch und ich auch."

„ Warum?" fragst du, wie ein kleines Kind, welches die Welt nicht versteht.

„Ach Schatz, das weiß ich auch nicht. Es ist, wie es ist." Ihr schweigt.


Einige Tage später ist deine Mama wieder gesund und du entscheidest dich, wieder zurückzufliegen.Doch es passiert ein Unglück. Das Flugzeug kracht gegen ein Gebäude. Schmerz erfasst dich. Du fällst zu Boden. Im Zeitraffer siehst du dein Leben. Deine Geburt, dein erstes Ding, deine Freunde, dein erster Kuss, dein Kind, deine Mama, Papa, Großeltern. Dein letzter Gedanke ist:Warum war alles so, wie es einfach war?Und wachst endlich aus diesem recht sinnlosen Traum auf.

 
 
 

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